Er ist eines der wenigen aufstrebenden Talente im deutschen Profibasketball. Malik Müller, seit diesem Sommer beim deutschen Meister Brose Baskets Bamberg unter Vertrag, gibt einen Einblick in das Leben eines Doppellizenzspielers, verrät was Coach Trinchieri so besonders macht und erklärt, wie groß der Respekt vor einem Brad Wanamaker oder Nikos Zisis ist.


Malik, du hast anstrengende Wochenenden hinter dir. Du warst für Baunach und die Brose Baskets im Einsatz. Wie schnell gewöhnt man sich an diese Doppelbelastung?

Ich bin immer noch in der Eingewöhnungsphase. Es ist phasenweise schwer, meine verschiedenen Rollen perfekt umzusetzen. Einerseits in der ProA Leistungsträger zu sein und auf verschiedenen Positionen meinen Job zu erfüllen. Andererseits in der Beko BBL die Rolle als einer der Jüngsten, wo es darum geht, immer zu lernen, Intensität, Fokus und Energie zu bringen in jedem Training und auf der Bank immer bereit zu sein, sobald der Coach mir die Chance gibt, Minuten zu bekommen. […]

Mir war klar, dass das erste Jahr hier das ist, in dem ich eine Doppellizenz habe und in dem der Fokus mehr auf der ProA liegen sollte, als auf der ersten Liga. Ich denke nur, dass es am Anfang etwas schwierig war, sich in der ProA richtig einzufinden, einzig aus dem Grund, da man bisher vielleicht fünfmal richtig zusammen trainiert hat. Sobald man im Spiel viele Minuten bekommt und da so gut wie möglich als Team zusammenspielen möchte, ist es schwierig, sich dementsprechend einzufinden. Ich glaube aber, das wird jetzt mit der Zeit. Aber definitiv ist es immer noch eine Eingewöhnungsphase für mich.

Ihr habt letzte Woche Dienstag (10.11.2015) gegen den Mitteldeutschen BC haushoch gewonnen, du durftest deine ersten Punkte in der Bundesliga verzeichnen. Das war mit Sicherheit ein gutes Gefühl…

… Ja auf jeden Fall, es war ein cooles Gefühl. Es ist natürlich etwas Besonderes, seine ersten Punkte in der Bundesliga zu machen. Aber wie du schon sagst, wir haben relativ hoch gewonnen und dann ist das natürlich was anderes, wie wenn du deine ersten Punkte gegen Bayern oder Berlin machst. Aber es ist schon toll, die Punkte gemacht und vor allem die Minuten bekommen zu haben. Das ist eigentlich das Wichtigste für mich.

Wie darf man sich das vorstellen in der Bamberg-Baunach-Kooperation. Wer entscheidet am Ende des Tages in welchem Team du wann eingesetzt wirst?

Es ist eine Absprache zwischen allen Trainern und unserem Sportdirektor Daniele Baiesi. Aber ich glaube, dass es ganz darauf ankommt, wie ich in der Woche trainiere, wie die Situationen sind, wenn du Wochen hast, die so verrückt sind. Wenn du am Dienstag, Freitag, Sonntag und wieder Dienstag Spiele hast.

Dann wird natürlich auch viel Wert darauf gelegt, wo man welche Leute wie lange schonen kann. Nikos Zisis zum Beispiel hat am Dienstag überhaupt nicht gespielt. Er hatte leichte muskuläre Probleme. Dafür haben dann Aleksej Nikolic und ich Minuten bekommen. Wenn wir ein Spiel in der Beko BBL haben, dann werde ich eher mitgenommen, um auf der Bank auf jeden Fall dabei zu sein, weil ich einen deutschen Pass habe. Bei der Euroleague ist eher Ali Nikolic dabei.

Du hast vorhin kurz die Trainingssituation angesprochen. Wie sieht das aus? Wann trainierst du wo?

Dass ich in Baunach trainiere kommt sehr selten vor. Wenn die Bundesligamannschaft zu einem Euroleage-Auswärtsspiel fliegt und ich nicht dabei bin, dann ja. Normalerweise trainiere ich aber bei Andrea Trinchieri, mache alles von Krafttraining bis Individualtraining. Da bleibt dann auch gar nicht viel Zeit, da sich die Zeiten überschneiden und man auch nicht dreimal am Tag trainieren kann. Und dann kommt es natürlich wieder darauf an, wo wann gespielt wird.

„Das gibt es in Deutschland so nirgendwo anders“

Du bist im Sommer vom College nach Bamberg gewechselt. Warum Bamberg?

Auch schon als ich noch am College war, habe ich immer mal wieder nach Deutschland rüber geschaut, was hier so abgeht, was so passiert im Basketball. Und ich wusste schon immer, dass Bamberg top ist in Deutschland, tolle Erfolge gefeiert hat und einfach eine Basketballstadt ist. Aber ich war, bevor ich mich entschieden habe nach Bamberg zu kommen, auch im Gespräch mit einem anderen Bundesligisten.

Letztendlich habe ich mich aber für Bamberg entschieden, da das Interesse vom Club deutlich stärker war und die Option, hier in Bamberg zu leben und gleichzeitig in meinem ersten Jahr ProA zu spielen, mich überzeugt hat. Hinzu kommt, dass ich hier erste BBL-Erfahrungen sammeln kann. Ich glaube, hier ist die beste Möglichkeit, mich basketballerisch weiterzuentwickeln.

Trotzdem war es bestimmt eine Umstellung, vom College in das kleine, schöne, aber verrückte Städtchen Bamberg zu ziehen…

… Ja, auf jeden Fall. Man muss aber auch immer bedenken, wo ich herkomme. Ich bin in Offenbach aufgewachsen, dann nach Urspring, in das kleinste Städtchen, das man sich vorstellen kann und dann ans College. Aber auch nicht an ein College wie Michigan oder Cincinnati, sondern Virgina Tech in Blacksburg. Dort sind zwar 30.000 Studenten, aber das ist auch keine Großstadt. Von daher bin ich nicht hingegangen und habe gesagt, oh mein Gott, ich muss in einen Ort ziehen, in dem 70.000 Leute leben.

Für mich ist das hier eine Stadt, in der ich meine eigene Wohnung habe, ein eigenes Auto. Ich muss nicht in einer Riesenstadt leben, auch wenn ich gerne in Großstädten bin. Aber ich finde, dass es einem noch mehr Fokus auf den Sport geben kann, wenn man nicht durch alle möglichen Sachen einer Großstadt abgelenkt werden kann. Ich kannte Bamberg vorher schon, hab hier auch schon ein paar Mal gespielt. Es gibt eine wunderschöne Innenstadt und die Menschen sind freundlich, der Basketball ist der Nummer-Eins-Sport, das hat man in Deutschland so nirgendwo anders.

Dein ehemaliger Trainer aus Urspring, Ralph Junge, baut seit einem Jahr einen erfolgreichen Basketballstandort in Nürnberg auf. Wäre rent4office Nürnberg bei deinem Start als Profi auch in Frage gekommen, gab es da Kontakt im Sommer?

Mit Ralph haben wir Urspringer sowieso immer Kontakt. Das ist einfach eine besondere Beziehung. Ich hatte, als die Entscheidung zur Debatte stand, ob ich vielleicht an ein anderes College wechsle oder doch den Schritt nach Deutschland wage, schon mit ihm Gespräche geführt. Aber da kam nicht wirklich auf, ja komm zu uns in die ProA. Auch weil meine Ambitionen nicht mehr sind, in die ProA zu gehen, sondern schon zu einem Erstligaverein zu wechseln, in dem ich Stabilität habe. Ich habe hier in Bamberg keinen Einjahres-, sondern einen Dreijahresvertrag unterschrieben. Das heißt, hier wird mit mir geplant, man sieht es langfristig.

Dein ehemaliger Urspring-Kollege Mario Blessing hat im Interview gesagt, man muss in Urspring gewesen sein, um zu verstehen, wie besonders es dort ist. Wie sehr hat dich die Zeit in Urspring geprägt?

Ja, damit hat er eigentlich alles schon gesagt. Man muss in Urspring gewesen sein, um das zu erfahren und zu verstehen. Ich bin nach Urspring gekommen, als ich 13 Jahre alt war, die Pubertät begann. Daher hat mich die Zeit natürlich in ganz vielen Sachen geprägt: basketballerisch, als Mensch, wie ich mit Menschen umgehe. Die Trainer sind dort nicht nur Trainer, sondern eine Art Halbelternteil und ein großer Bestandteil davon, wie du aufgezogen wirst. Dieses Urspring, dieses Leben in der Gruppe, in der das Verhältnis zwischen den Basketballspielern extrem eng ist, das prägt einen definitiv.

Ich habe mir die Trikotnummern von meinen vier besten Kameraden auf meinen Arm tätowiert (#44 Kevin Bryant, #69 Kalidou Diouf, #32 Zaire Thompson, #25 Kenneth Ogbe; Anm. d. Red.), wir haben unter anderem die deutsche Meisterschaft gewonnen. Sie sind wie Brüder für mich. Und egal wo wir sind, wir hatten immer Kontakt. Ich glaube, so eine Beziehung findet man nicht überall und ich habe so gesehen neue Brüder gefunden. Das ist diese „U1L“ Sache wieder, deshalb lassen sich so viele Leute, die nach Urspring gehen oder dort waren, tätowieren, weil Urspring einfach Liebe ist.

„Er gibt immer einhundertfünfzigtausend Prozent“

Du bist sehr vielseitig, bestichst vor allem durch gutes Ballhandling, einen blitzsauberen Wurf und deine Physis. Was ist die größte Stärke von Malik Müller und wo musst du dich noch verbessern?

Okay, also ich würde erst mal mit den größten Schwächen anfangen (lacht). Verbessern muss ich mich in allen Bereichen. Ich muss eine bessere Spielübersicht entwickeln, lernen, wann werfe ich und wann nicht, bin ich jetzt offen oder bin ich es nicht. Spielentscheidungen also. Und defensiv, da gibt es auch eine Menge zu arbeiten. Offensiv ist in meinen Statistiken in dieser Saison nichts, absolut gar nichts bisher konstant. Ich versuche viel, aber vieles läuft noch nicht bei mir. Deswegen würde ich sagen, dass ich noch viel an meinen Quoten arbeiten muss.

Ich denke auch, dass es bei mir viel mit dem Mentalen zu tun hat. Ich muss es hinbekommen, mich so zu fokussieren, dass ich mir nicht mehr so viele Gedanken während des Spiels mache, sondern einfach nur mein Spiel spiele. Stärken allgemein sind, wie du schon gesagt hast, mein Wurf natürlich, aber gleichzeitig auch meine Physis, mit der ich die Möglichkeit habe, auch gegen größere Leute etwas zu bewegen. Ballhandling gehört sicher auch dazu. Ich bin ein Teamplayer, versuche alles, um das Team besser zu machen und versuche immer zu gewinnen.

Sprechen wir über deinen Coach Andrea Trinchieri. Was kannst du uns über ihn sagen, was zeichnet ihn besonders aus?

Andrea macht sicher aus, dass er diesen unglaublichen Willen hat, immer gewinnen zu wollen. Er würde alles dafür tun, um zu siegen. Er gibt immer einhundertfünfzigtausend Prozent, bei jedem Training ist er immer voll da. Und egal ob du jetzt Malik Müller bist, ein Darius Miller, Brad Wanamaker oder Nikos Zisis, wenn du irgendwas machst, das ihm nicht gefällt, dann sagt er es dir. Das muss nicht immer ein Ton sein, der dir gefällt, aber er sagt es dir und versucht dich besser zu machen.

Und ich glaube, das ist eine ganz große Qualität vom Trainer, dir zu sagen, was du falsch gemacht hast und warum du es falsch gemacht hast. Zudem signalisiert er dir die Erwartungshaltung, dass du es das nächste Mal richtig machst. Er ist ein sehr intensiver Coach. Wenn du jemanden hast, der an der Seitenlinie rumschreit, rumspringt und einen packt, dann ist diese Grundspannung bei allen da, du gibst immer 100 Prozent.

Bei den Brose Baskets lernst du von Superstars wie Nikos Zisis, Brad Wanamaker oder Darius Miller. Wie groß ist da der Respekt?

Am Anfang der Pre-Season haben wir ja nicht die ganze Zeit Fünf gegen Fünf gespielt, sondern hatten morgens Athletiktraining und haben uns langsam ran gearbeitet. Dadurch hat sich schon so eine Vertrauensebene aufgebaut und man hat sich als Teamkameraden gefunden. Ich wurde also nicht komplett reingeworfen, und musste mir denken, oh shit, du musst jetzt Zisis verteidigen und los geht’s, sondern man hat sich schon gekannt. Aber natürlich ist der Respekt da; bei einem jungen Spieler vor einem Veteran sowieso immer.

Gut, als Nikos reingekommen ist, da war es so, dass wir gleich angefangen haben zu zocken und dann schaust du ihn schon so an und denkst dir, wow, der Typ ist einfach eine europäische Legende, ein Wunderkind. Und dann fängt der da an, ein paar Pässe auszupacken, wo du dich fragst, wie hat der das denn gemacht? Aber generell ist das schönste für mich als Basketballer, sobald du auf dem Feld gegen jemanden spielst, dass du über so etwas nicht nachdenkst. Und wenn du darüber nachdenkst, dann denkst du dir, krass alter let’s go, der ist schon so und so viel älter als ich, hat so und so viel mehr Erfahrung als ich, ich hab gar nichts zu verlieren. Keiner wird es mir übel nehmen, wenn ein Brad Wanamaker mich im Eins-gegen-Eins schlägt oder ein Nikos Zisis mir einen Pass durch die Beine spielt. Das ist einfach der Lauf der Dinge. Respekt ist auf jeden Fall da, zu 100 Prozent. Ich frage auch immer im Training. Von Leuten wie Zisis, Wanamaker oder Miller lernen – das ist einfach super wertvoll.

Malik, zum Abschluss, wie sehen deine Ziele mit Baunach und den Brose Baskets aus?

Meine Ziele mit Baunach in diesem Jahr, persönlich gesehen, sind konstant zu werden. Ich will konstant eine gute Quote haben und mich so verbessern, dass ich auf einer höheren Qualitätsebene spiele. Ich möchte dem Team so gut es geht helfen, um gemeinsam den Abstieg zu verhindern. Ich glaube zudem, dass wir eine Überraschungsmannschaft sein können und das Potenzial haben, uns in die höheren Ränge vorzuspielen. Wir möchten einfach den besten Basketball spielen, den wir können. In der ersten Liga ist mein Ziel weiterhin hart zu arbeiten und von Zeit zu Zeit die Chance zu bekommen, Minuten zu sammeln. Ich will den Coaches zeigen und beweisen, dass ich weiter lerne und Sachen umsetzen kann, um mich irgendwann richtig zu etablieren. Ich versuche jeden Tag mein Bestes zu geben, zu lernen und mich zu verbessern.


Malik Müller wurde am 24. Januar 1994 geboren und wuchs in Offenbach auf. Mit 13 Jahren wechselte der Shooting Guard nach Ehingen an die Urspringschule und entwickelte sich dort zum Profi. Nach dem Gewinn der deutschen U19-Meisterschaft, der Auszeichnung als wertvollster Spieler beim Jordan Brand Classic (2010) und einem erfolgreichen Abiturabschluss entschloss sich der ehemalige Jugendnationalspieler für den Weg ans College. An der Virginia Tech kam er aufgrund von akademischen Gründen nur in einer von zwei Saisons zum Einsatz und verließ die USA im Sommer 2015 wieder, um sich den Brose Baskets Bamberg anzuschließen. Der 1,89 Meter große Guard läuft nicht nur für den deutschen Meister auf, sondern ist auch für das Farmteam, die Baunach Young Pikes, spielberechtigt. In der laufenden ProA-Saison bringt es Malik Müller auf 9.7 Punkte, 4.5 Rebounds und 1.7 Assists pro Spiel, in der Beko BBL erzielte er gegen den Mitteldeutschen BC seine ersten Bundesligapunkte.